Die breite Masse der Hotels orientiert sich an bewährten Standards, der Stil variiert zwischen klassisch, bieder und rustikal. In den letzten Jahren hat sich jedoch einiges getan: Mit innovativen Konzepten, zeitgemäßem Design und der Spezialisierung auf bestimmte Zielgruppen heben sich immer mehr Hotels vom durchschnittlichen Einerlei ab. Wer auf dem hart umkämpften Markt bestehen will, muss sich eben etwas einfallen lassen. So wird das Hotel in Zeiten des Individualtourismus zum Erlebnisort.
Die Fülle an neuen Hotels und die Bandbreite an Konzepten machen einen umfassenden Überblick unmöglich, dennoch lassen sich einige Trends beobachten.
Individualität
Eine augenfällige Tendenz ist die zunehmende Individualisierung. Die Zeit der Bettenburgen ist passé, Geschäftsreisende wie Touristen möchten sich im Hotel wie zu Hause fühlen. Um ein Gefühl der Anonymität gar nicht erst aufkommen zu lassen, bieten viele Hoteliers nicht mehr als 100 Zimmer an. Darüber hinaus verleihen sie den einzelnen Häusern oder Bereichen eine besondere Note, um dem Wunsch der Kunden nach einer persönlichen Atmosphäre entgegenzukommen.
Das Hotel Wedina in Hamburg z. verteilt sich auf insgesamt vier Gebäude, die nur einen Steinwurf voneinander entfernt liegen. Der unterschiedliche Fassadenanstrich – gelb, grün, rot und blau – lässt auf ebenso andersartige Interieurs schließen. Tatsächlich gleicht das rote Haupthaus einer gewöhnlichen Pension, während Terrakottaböden und Korbmöbel dem gelben Haus ein mediterranes Flair verleihen. Das blaue Haus wiederum folgt mit seinen hellgrau und weiß gestrichenen Wänden sowie den schlichten Möbeln einer minimalistischen Gestaltungsmaxime (Abb. Jedes Zim-mer ist einem Schriftsteller gewidmet, dessen Gesamtwerk in einem Bücherregal über dem Schreibtisch steht. Daher ist das blaue Haus auch unter dem Namen Literaturhotel bekannt. Im grünen Haus schließlich, dem neuesten, befinden sich moderne Apartments, die raffiniert auf vier Ebenen nach dem Split-Level-Prinzip angeordnet sind. Auch hier ist die Inneneinrichtung auf wenige schlichte Möbel reduziert.
So kann jeder wohnen, wo es ihm gefällt: Bei der Reservierung werden die Gäste nach ihren Vorlieben gefragt und in das entsprechende Haus einquartiert.
Farbkonzepte sind ein gängiges Mittel, um einzelne Bereiche, Flure oder Zimmer von anderen abzuheben. Beim »Goethe 87« in Berlin, einem Apartmenthotel für Langzeitreisende, sind die Flure z. je nach Etage in lindgrün, weinrot oder kaffeebraun gestrichen – inspiriert von Goethes Farbenlehre. Ein ähnliches Konzept verfolgt das Hotel »Ku’damm 101« in Berlin (Abb. 1, 3): Hier basieren die Farben auf der Polychromie von Le Corbusier. Flure und Zimmer sind in zarten Blau-, Grün- und Violetttönen gehalten, kombiniert mit einem dezenten dunklen Grau, das sich als Corporate-Identity-Farbe durch das ganze Haus zieht. In der Lobby setzen verdeckt angebrachte Leuchtstoffröhren farbige Akzente, die ebenfalls an die Le-Corbusier-Farben angelehnt sind und etwa monatlich wechseln.
Selbst die großen internationalen Hotelketten setzen zunehmend auf individuelle Häuser, z. die Hyatt-Gruppe: Mit verschiedenen »Marken« wie Grand Hyatt, Park Hyatt und Hyatt Regency werden unterschiedliche Zielgruppen angesprochen. Außerdem passt sich das einzelne Haus dem jeweiligen kulturellen Kontext und der Stadt an; es gibt keine strikte Standardisierung.
Der Trend, Hotels individueller zu gestalten, geht auch jenseits der Zimmertür weiter. Im Berliner »Hotel + Künstlerheim Luise« etwa ist jedes Zimmer ein Unikat: Künstler entwerfen die einzelnen Räume, bauen sie selbst aus und kassieren dafür eine Provision, die von der Auslastung abhängt. Im Angebot sind z. das durchgehend schwarzweiß gemusterte Zimmer »Unschuld« oder ein überdimensionales Bett, das vor allem von Familien gebucht wird. Alle Zimmer kann man sich vorher im Internet ansehen. »Meistens wissen die Leute schon genau, welches sie reservieren wollen«, sagt Mitarbeiterin Alexandra Thenhaven. Immer wenn eine Renovierung fällig ist, bekommt ein Raum ein neues Aussehen.
Noch schriller als im Künstlerheim Luise sind die Zimmer in der Propeller Island Lodge, ebenfalls in Berlin, eingerichtet: Ein Raum gleicht einer Gefängniszelle, ein anderer scheint mit einem an die Decke montierten Bett buchstäblich auf den Kopf gestellt und ein dritter ist knallrot gestrichen. Auch hier war ein Künstler am Werk: Der Besitzer Lars Stroschen ist selbst künstlerisch tätig, er hat alle Zimmer selbst entworfen und ausgebaut.
Gesamtkunstwerke
Einige originelle Hotels gehen über die Individualität hinaus: Nicht einzelne Bereiche sind individuell gegliedert, sondern das ganze Gebäude folgt einem konsequenten Gestaltungskonzept. Ein Paradebeispiel dafür ist das Hotel »Q!« in Berlin-Charlottenburg. Von außen wirkt der hellgrau verputzte Bau zunächst wie ein gewöhnliches Mietshaus. Wer jedoch die Lobby betritt, glaubt sich in einer Szene-Bar: Der ochsenblutrote Linoleumbelag zieht sich die Wände hoch, schlägt Wellen und lädt so zum Sitzen ein (Abb. Kurven, Schrägen und Rundungen vermeiden jeden rechten Winkel. Tatsächlich wird die Bar, die fließend in Restaurant und Empfang übergeht, einmal im Monat zum hippen Club. Nur ausgewählte Mitglieder dürfen auf den geschwungenen Sofas bunte Cocktails schlürfen.
Das Hotel kann dagegen jeder buchen. Oft sind es jüngere Leute aus der Musik- und Werbebranche, die sich von dem Ambiente angesprochen fühlen; aber auch Geschäftsleute frühstücken morgens in der roten Kunstlandschaft. In den Zimmern setzt sich das Leitmotiv der Kurven und Rundungen fort. Mit den dunklen horizontalen Holzflächen und dem cremefarbenen Straußenlederimitat sind die Farben indes wesentlich dezenter als im Erdgeschoss (Abb.
Ähnlich wie das »Q!« wirkt »The Hotel« in Luzern mit seiner grauen Jugendstilfassade von außen eher unscheinbar. Allerdings sind an die Stelle der Sprossenfenster großformatige Glasscheiben getreten. Nachts werden die Fenster zum vergrößerten Guckloch und der Passant ungewollt zum Voyeur: Alle nicht belegten oder gerade nicht benutzten Räume sind hell erleuchtet und geben den Blick auf überdimensionale Standbilder an der Decke frei, die Filmszenen von Wenders, Almodóvar oder Fellini in gewaltiger Vergrößerung zeigen (Abb.
Die Gestaltung und Möbel der Räume – dunkle Wände, Holz- und matte Edelstahloberflächen – sind farblich auf die modern interpretierten Deckengemälde abgestimmt. Die Idee des Kinos wird in den öffentlichen Bereichen weitergeführt: Hinterleuchtete Leinwände zeigen vergrößerte Ausschnitte der Deckenbilder. Von der Lobby kann man sowohl in die Bar als auch in das darunter liegende Restaurant blicken. Schräg gestellte Glasscheiben und Spiegel erzeugen jedoch irritierende Bilder – ein virtuoses Spiel zwischen Realität und Verfremdung, das im ganzen Gebäude erlebbar ist.
Oasen der Entspannung
Der Gast will im Hotel nicht nur schlafen, sondern sich auch wohlfühlen und zur Ruhe kommen. Dementsprechend gewinnen die Wellnessbereiche eine immer größere Bedeutung. Schwimmbäder, Saunen, Dampfbäder, Entspannungs- und Massageräume nehmen häufig ganze Etagen ein.
Das Grand Hyatt Hotel in Berlin hat den Spa-Bereich auf den attraktivsten Platz gehoben, nämlich auf das Dach. Vom Pool ebenso wie von der Dachterrasse genießt man den Blick über die Dächer der Stadt. »Heute nutzen viele Geschäftsreisende ihre knappe Freizeit, um sich zu entspannen und etwas für ihren Körper zu tun anstatt die Zeit in Restaurants und Bars zu verbringen«, sagt Katrin Lange-Stalinski vom Hyatt-Hotel. Damit bleibt das Hotel nicht nur Durchgangsstation, sondern wird selbst zum Erlebnisort – eine Chance, die Kunden mit attraktiven Angeboten zu binden. Vor allem in ländlichen Regionen folgen viele Hoteliers diesem Trend und richten ihr Angebot auf Schönheitspflege, Erholung, Bewegung und eine gesunde Ernährung aus.
Das Vigilius Mountain Resort in Südtirol etwa liegt auf einem 1500 Meter hohen Gipfel und ist nur mit der Gondel oder zu Fuß erreichbar (S. Unternehmungen in der näheren Umgebung beschränken sich auf sportliche Aktivitäten in der Natur. Um so mehr Möglichkeiten bietet das Hotel in puncto Wellness: Die Gäste können zwischen mehreren Pools, Sauna, Heubad und türkischem Bad wählen, sich mit Massagen verwöhnen lassen oder im »Paradiesgarten« ausspannen. Frische Bergluft und absolute Ruhe tragen zur Erholung bei, Fernseher und CDs gibt es nur auf Anfrage.
Badezimmer
Genau wie im Wohnungsbau hat im Hotelbau die funktionale Nasszelle ohne natürliches Licht und Belüftung ausgedient, das Badezimmer wird größer und wohnlicher. Beim Hotel Lux Alpinae in St. Anton etwa trennt der Architekt Georg Driendl das Bad nur durch eine Glasscheibe vom Wohn- und Schlafbereich, sodass man selbst aus der Badewanne die Aussicht auf die Berge genießen kann (Abb.
Beim Vigilius Mountain Resort hat Matteo Thun die kubische Badewanne gleich an die gläserne Fassade gestellt; sie ist von dem restlichen Raum nur durch eine frei stehende beheizbare Lehmwand abgeteilt.
Im Hotel »Q!« steht die Badewanne sogar offen im Zimmer: Zusammen mit dem Bett bildet sie ein raumgreifendes Möbel, in das auch ein Waschtisch integriert ist (Abb. Die Dusche ist durch eine Glastür abgetrennt und nur das WC ist in einem separaten Raum untergebracht. Wem die Badewanne nicht reicht, der kann den Wellnessbereich im Untergeschoss nutzen, der in schwarzem Schiefer und hellem Nussbaumholz gestaltet ist (Abb. Einen Pool gibt es nicht, aber zwei Saunen, einen Massagebereich und – als besonderes Highlight – einen Ruheraum, dessen Boden mit feinem, weißen Sand bedeckt ist.
Konzepte für bestimmte Zielgruppen
Um sich von der breiten Masse abzuheben, entwickeln viele Hotelbesitzer kreative Konzepte – nicht nur im Gesundheits- und Fitnessbereich – und erschließen so neue Zielgruppen. Das Sporthotel »The Cube« in Kärnten z. wendet sich ganz gezielt an sportbegeisterte junge Leute. Wenn man so will, gleicht es einer modernen Jugendherberge: Mit dem rohen Estrichboden, Sichtbetonflächen und Metallbetten in den Zimmern wirkt die Ausstattung betont einfach und funktional. Das Zimmerangebot von Zwei- bis Achtbettzimmern kommt den Vorlieben von Jugendlichen und Studenten bzw. dem schmalen Geldbeutel entgegen. Jedem Zimmer ist extra ein beheizbarer und belüfteter Raum zugeordnet, damit die Gäste Sportgeräte abstellen und Kleidung trocknen können. Für die abendliche Unterhaltung bietet die Diskothek im Untergeschoss viel Platz zum Tanzen.
Auch das Hotel »25hours« in Hamburg wendet sich an junge Leute: Je nach Verfügbarkeit erhalten unter 25jährige einen Rabatt auf den Übernachtungspreis. Eine lockere Atmosphäre wird hier groß geschrieben. Statt steifer Anzüge tragen die jungen Mitarbeiter Jeans und T-Shirt, im öffentlichen »Wohnzimmer« kann man auf einer Sofalandschaft gemütlich fernsehen, Sushi aus der Bar essen oder mit anderen Gästen plaudern. Gemusterte Vorhänge in orange und pink, kugelige Leuchten, dicke Flokatiteppiche und geschwungene Plastikstühle erinnern an das Design der 60er- und 70er-Jahre. Auch die Zimmer folgen dem Retro-Look, sind aber in dezenteren Farben – lindgrün, hellblau, weiß und grau – gestaltet (Abb. 10). Um die Gefahr zu bannen, irgendwann »out« zu sein, sind alle modischen Accessoires wie Nachttischlampen oder Gardinen austauschbar. Weil immer wieder Gäste nachfragen, wo man diese Artikel kaufen kann, liegt inzwischen auf jedem Zimmer ein Prospekt mit Herstellern und Preisen aus. Eine weitere Besonderheit ist die große Veranstaltungsfläche hinter der Lobby, die für Meetings, Betriebsfeiern, Pressekonferenzen und Fotoshootings an Firmen vermietet wird – eine zusätzliche lukrative Einnahmequelle.
Außenwirkung
Das äußere Erscheinungsbild von Hotels erinnert oft an gewöhnliche Wohngebäude. Selten sieht man etwas vom Leben hinter der Lochfassade. Doch auch diese Haltung ändert sich zunehmend: Immer mehr Hotels öffnen ihre Hülle nach außen.
Beim Radisson SAS Hotel in Rom etwa ist die Fassade vollflächig verglast; breite Profile lassen nur die Aufteilung der Zimmer erkennen. Jedes Fenster leuchtet in einer anderen Farbe, sodass die Fassade wie ein bunter Setzkasten in grünem, blauem und violettem Licht erscheint (Abb. 12).
Ein ähnliches Konzept verfolgt das Arcotel Velvet in Berlin. Hier sind die Zimmer zur Straße hin ebenfalls komplett verglast. Wenn die rot gemusterten Vorhänge nicht zugezogen sind, können die Passanten der belebten Oranienburger Straße direkt in die Zimmer schauen (Abb. 11). Eigentlich sollten zusätzlich bewegte Bilder auf den Glasflächen die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden auf sich lenken. Über den Badezimmern sind bereits Projektoren eingebaut, die mit einem Computer vernetzt sind und Videos auf eine ausfahrbare Jalousie projizieren sollen, doch für den energieaufwändigen Betrieb fehlt zurzeit das Geld, und ein Sponsor ist noch nicht gefunden.
Abschied vom Durchschnitt
Hotels mit einer zeitgemäßen, interessanten Innenraumgestaltung, die sich abhebt vom Einerlei der breiten Masse, liegen im Trend der Zeit. Längst interessieren sich nicht nur bestimmte Berufsgruppen wie Architekten und Designer für solche Angebote. Das zeigt nicht zuletzt die Fülle an Hotelbildbänden, die in den Buchhandlungen ausliegen.
Das gestiegene Interesse liegt sicher auch an veränderten Preisen. Während Designhotels bis vor ein paar Jahren noch als extrem teuer galten, sind viele heute durchaus bezahlbar. Die meisten der hier vorgestellten Hotels kosten um 100 Euro pro Doppelzimmer, Ausnahmen bilden das Berghotel Vigilius und»The Hotel« – beides echte Luxushotels.
Um solch günstige Preise anbieten zu können, verzichten viele Hotels auf Komfort zugunsten einem schön gestalteten Innenraum. Im Hotel »Ku’damm 101« z. gibt es weder Minibar noch Zimmerservice, stattdessen steht im Erdgeschoss ein Automat mit Getränken und Snacks. Auf der anderen Seite gehört moderne Technik wie Internetanschluss oder Flachbildschirmfernseher mittlerweile zum Standard. Dennoch kommen viele Hotels nicht über drei Sterne hinaus, weil sie die entsprechenden Vorgaben nicht erfüllen. Doch das ist den meisten Hoteliers egal: Die Kunden kommen schließlich nicht wegen der Sterne, sondern weil ihnen das Ambiente gefällt.






